Hessische Gesellschaft
für Ornithologie und Naturschutz e.V.


Arbeitskreis Frankfurt am Main


"Viele Obstbäume sind überaltert und nicht gepflegt"
Ein Interview mit Robert Feig, Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz

Warum sind Pflege und Erhalt der Streuobstwiesen am Berger Hang so schwierig?
Die größte Schwierigkeit ist derzeit, die notwendigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Das Projekt wird immer größer, und immer mehr Eigentümer von Streuobstwiesen treten an uns heran. Unser Einsatz erhält viel emotionale Zustimmung - doch wir haben den Eindruck, daß viele die Pflege der Grünflächen nur bei uns abladen wollen.

Was sind Ihre vorrangigen Aufgaben zum Erhalt dieses Kulturraums?
Wir haben aktuell eine große Fläche von Streuobstwiesen erfaßt, die sich am nordöstlichen Rand von Frankfurt entlang mehrerer Stadtteile erstreckt. Es war sehr aufwendig, die einzelnen Grundstücke, die zumeist sehr klein parzelliert sind, zu erfassen. Doch nun ist eine Rangfolge erstellt, nach der die Flächen gepflegt und möglichst erhalten werden sollen- Die Obstbäume sollen beschnitten werden, damit sie ihre Vitalität bewahren. Für alle Arbeiten benötigen wir jedoch Geld - so daß wir zunächst weiter für unser Vorhaben werben müssen.

Unterscheidet sich denn der Zustand der einzelnen Streuobstwiesen in Frankfurt?
Wir sind auf die nordöstlichen Flächen spezialisiert. Dort sind die Bestände der Obstbäume überaltert und vielfach ungepflegt. Das Bild der Streuobstwiesen im Westen und Süden der Stadt ist nach meiner Einschätzung nicht deutlich besser. Klar ist jedoch, daß die Streuobstwiesen im derzeitigen Zustand - wenn sich niemand um sie kümmert - zwangsläufig zurückgehen und letztlich ganz verschwinden werden.

Trotz Ihrer Bemühungen ist dieser einmalige Kulturraum weiter bedroht?
Ich denke schon. Auch wenn unser Anliegen durchaus unterstützt wurde in den vergangenen Jahren. Doch das Desinteresse, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, ist bei Eigentümern und Bürgern weiter stark ausgeprägt. Viele wollen nur auf den Wiesen und Feldern spazierengehen - doch das reicht nicht aus. Nur vereinzelt ist zu registrieren, daß Eigentümer sich ihren Flächen wieder zuwenden, diese selbst nutzen, dazu die Wiesen mähen, Bäume pflegen und das Obst ernten.

Dürfen Streuobstwiesen denn öffentlich betreten werden?
Das ist erlaubt. Die freie Landschaft darf jeder betreten. Spaziergänger dürfen auch querfeldein gehen, soweit es sich um kein Naturschutzgebiet handelt. Viele pflücken sich auch Äpfel oder Birnen. Auf Grundstücken, die erkennbar genutzt werden, sollte das jedoch unterlassen oder zumindest der Eigentümer zuvor gefragt werden.

Wie groß ist der Anteil der Streuobstwiesen an den landwirtschaftlich genutzten Flächen in Frankfurt?
Es gibt traditionell viel Streuobst. Oftmals ist es auf den landwirtschaftlichen Flächen verteilt. Verglichen mit anderen Landschaften, besteht ein sehr hoher Anteil an Streuobstwiesen. Tendenziell wird die Fläche geringer? Das ist leider richtig.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2006



Blütenpracht für das Auge und Äpfel für die Kelterei
Streuobstwiesen: Bei Spaziergängern beliebt, von Bauern gemieden
Naturschützer für Erhalt der charakteristischen Landschaft


BERGEN-ENKHEIM. Am Stadtrand ist es schöner. Fürwahr, wer in der Großstadt lebt, ist daran gewöhnt, daß die meisten Wohnviertel nicht gerade üppig mit Grün ausgestattet sind. Zumeist kehrt sich das Verhältnis von bebauter und unbebauter Fläche erst am Rande der Stadt um. So läßt sich in Frankfurt Ackerland etwa in Harheim finden; Erholungsräume bietet zudem Fechenheim, das vom Main in einem Halbbogen umrahmt wird; und dann gibt es ja auch noch den Stadtwald, der an Sachsenhausen und bis nach Oberrad reicht. Das im Osten der Stadt gelegene Bergen-Enkheim zählt in dieser Hinsicht zu den begünstigten Quartieren: Hier erwartet den Besucher nicht Wald, Äcker oder ein attraktives Flußufer, sondern die Pracht blühender Obstbäume.

Wer Bergen-Enkheim auf der Marktstraße durchquert und den Ortskern mit seinen Fachwerkbauten hinter sich läßt, gelangt in einen von Obstbäumen bestandenen Grüngürtel. Noch immer ist der Frankfurter Stadtteil zu einem beachtlichen Teil von Streuobstwiesen umschlossen. Und die verstreut gelegenen Grundstücke, die sich entlang der Nord- und Südseite des Berger Hanges erstrecken, sind ein attraktives Ziel für Spaziergänger.

Vor etwa 15 Jahren drohten die Hänge, die im Norden zur Nidda und zum Vilbeler Wald und im Süden zur Mainebene hin abfallen, ihre charakteristische Gestalt zu verlieren, "erinnert sich Klaus Hoppe von der Projektgruppe Grüngürtel im städtischen Umweltamt. Immer mehr Erzeuger hätten sich damals dafür entschieden, das für den Verkauf bestimmte Tafelobst fortan lieber auf intensiv bewirtschafteten, niedrigstämmigen Plantagen anzubauen, weil dies im Vergleich zur aufwendigen Arbeit in den von hochstämmigen Bäumen geprägten Streuobstwiesen die schnellere und günstigere Anbaumethode ist.

Nachdem die Reblaus dem am Berger Hang betriebenen Weinanbau Ende des 19. Jahrhunderts den Garaus gemacht hatte, drohte ein Jahrhundert später somit ein abermaliger, dieses Mal vom Menschen verursachter Einschnitt in ein Areal, das als elementarer Bestandteil der Kulturlandschaft des Rhein-Main-Gebietes gilt: Nach der Aufgabe des kommerziellen Obstanbaus seien die Grünflächen noch weniger gepflegt, zum Teil gar vernachlässigt worden, sagte Hoppe: Wiesen seien verbuscht und als Kleingärten zweckentfremdet worden; Obstbäume früh verfallen und nicht mehr ersetzt worden - das lange Zeit charakteristische Landschaftsbild wandelte sich.

Mittlerweile genießen Streuobstwiesen jedoch wieder deutlich höhere Wertschätzung: "Ein Mosaik an Akteuren" bemüht sich laut Hoppe um Erhalt und Pflege dieser Wiesen. Koordiniert werde das Vorgehen unter anderem im Förderverein "Runder Tisch Streuobstwiesenschutz", dem neben der Stadt der Obst- und Gartenbauverein Bergen-Enkheim, Landwirte und Keltereien sowie Naturschutzverbände angehören.

Auch die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) bemüht sich seit mehr als einem Jahrzehnt um die vielerorts als Landschaftsschutzgebiete ausgewiesenen Flächen. Schließlich seien diese ein wichtiger Lebensraum für bis zu 3000 Pflanzen- und Tierarten - darunter etliche bedrohte Vögelarten.

In einer Ausstellung, die bis Mitte Juli im Heimatmuseum Bergen-Enkheim zu sehen ist, hat die Sektion Frankfurt der HGON ihren Einsatz zum Schutz der heimischen Streuobstwiesen dokumentiert: Dafür seien einzelne Grundstücke erfasst, deren Eigentümer ermittelt sowie Spenden, Sponsoren und öffentliche Gelder akquiriert worden. Am Berger Südhang wurden verwilderte Flächen mit Einverständnis der Eigentümer freigelegt und Tausende von hochstämmigen Obstbäumen beschnitten. Von den Erfolgen am Rande von Bergen-Enkheim beflügelt, versuchen die Vogelkundler und Naturschützer seit vier Jahren, ihre Pflegearbeiten auf die Streuobstbestände im ganzen Frankfurter Nordosten auszudehnen. Wie an einem Band lägen entlang der Stadtteile Harheim, Berkersheim, Preungesheim, Seckbach und Bergen noch viele wertvolle und gefährdete Streuobstwiesen; sagt HGON-Sprecher Robert Feig. 300 Parzellen seien schon erfasst, dieses Jahr sollen erste Pflegearbeiten vorgenommen werden. Auch wenn die Streuobstwiesen nun nicht mehr völlig aus der Landschaft verschwinden dürften, nehme der Bestand von derzeit 365 Hektar weiterhin eher ab, so Hoppe. Seiner Ansicht nach wäre es wichtig, auch den ökonomischen Nutzen dieser Flächen in den Vordergrund zu stellen. Neben der regelmäßigen Wiesenmahd und dem Baumschnitt gebe es auch die Ernte - und nur so lasse sich einem "musealen Charakter der Landschaftsform" vorbeugen. Das Obst solle verwertet werden - auch wenn die Äpfel allenfalls zum Keltern taugten.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2006